Michael Quetting
 
Gedanken von der 
Ruhebank

Brückenabriss

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ ist ein bekanntes geflügeltes Wort.

Am Antikriegstag 2026, auf den Tag genau 87 Jahre nachdem der Zweite Weltkrieg nach einem von den Nazis fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz begann, verkündete die Bundesregierung neue Sanktionen gegen Russland. Heute sollen die Russen Drohnen zum Flughafen Leipzig geschickt haben. Infolgedessen wird das Generalkonsulat in Bonn geschlossen, das Russische Haus für Wissenschaft und Kultur in Berlin aufgelöst und Diplomaten werden aus dem Land verwiesen. Die Einreise nach Deutschland wird für russische Staatsbürger erschwert. Russland kündigte daraufhin die Schließung der deutschen Goethe-Institute in Russland an.

Obwohl die Bundesregierung die Drohnen, die am Leipziger Flughafen abstürzten, Russland zuschreibt, fehlen konkrete Beweise. Nichts Genaues wissen wir. Es ist offensichtlich, dass entweder Berlin oder Moskau die Wahrheit verschweigt.

Und angemerkt sei, dass Russland zunächst als Urheber des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines identifiziert wurde. Neue Informationen deuten jedoch zunehmend auf die Ukraine als Verantwortliche hin.

Mit der Schließung jeder diplomatischen Vertretung verringert sich die Möglichkeit für direkten und informellen Austausch zwischen Staaten. Mit der Schließung der Kultureinrichtungen wird auch die Brücke zwischen den Zivilgesellschaften abgerissen. In der Diplomatie herrscht das Prinzip der Gegenseitigkeit, folglich führt die Schließung in Deutschland zwangsläufig zu einer Reduzierung der deutschen diplomatischen Präsenz in Russland. Diplomatie ist jedoch insbesondere in Krisenzeiten unerlässlich, um Missverständnisse und unkontrollierte Eskalationen zu vermeiden. Die wenigen verbliebenen Fäden des deutsch-russischen Kulturaustauschs werden nun vollständig durchtrennt.

Russland bzw. die Sowjetunion wurde seit 1812 insgesamt fünfmal vom Westen angegriffen: 1812 während Napoleons Russlandfeldzugs, 1853 im Krimkrieg, 1914 im Ersten Weltkrieg, 1918 durch eine westliche Koalition und 1941 im Zweiten Weltkrieg. Russland hat uns nicht angegriffen. Dennoch ist die Russophobie tief verwurzelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, bis Vertrauen wieder aufgebaut und eine Friedensordnung etabliert werden konnte. Ohne die Sowjetunion existierte das Deutschland in seiner heutigen Form nicht. 1994 endete die russische Präsenz auf deutschem Boden, als etwa 500.000 Personen, darunter 340.000 Soldaten, Deutschland verließen und ihre Waffen mitnahmen.

Offenbar gilt das gemeinsame Postulat von Helmut Kohl und Erich Honecker nicht mehr, die gemeinsam offiziell per Kommuniqué bestimmten: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg, von deutschem Boden muss Frieden ausgehen.“

Nun werden Brücken eingerissen und das deutsch-russische Verhältnis dauerhaft und nachhaltig zerstört. Es wird vom „hybriden Krieg“ gesprochen. Ich kann mit einem Begriff, der alles und nichts umfasst, wenig anfangen und unterstelle eine damit verbundene dauerhafte Militarisierung des Denkens zum Zwecke der heißen Kriegsvorbereitung.

Fragwürdige Begriffe hin oder her, gelogen wird was das Zeug hält, mag auch unklar sein, wer lügt. Eins steht fest: Der Krieg rückt immer näher.

Michael Quetting, September 2026
 
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